Ketzerprozess
Wir schreiben das Jahr des Herrn MCCXC (1290). Sie sind der Bewohner eines kleinen mittelalterlichen Städtchens im Süden Frankreich. In letzter Zeit haben einige ihrer Bekannten öfters von einer neuen Lehre erzählt, deren Anhänger sich regelmäßig auf geheimen Treffen versammeln würden. Sie sind neugierig geworden, haben selbst Kontakt mit einigen Anhängern dieser Lehre aufgenommen. Nachdem sie ein paar Mal auf den geheimen Zusammenkünften gewesen sind, finden sie an den neuen Ideen Gefallen. Die neue Lehre erscheint ihnen irgendwie einleuchtender und positiver als die unverständlichen Predigten, die sie von der Kirche sonst gewohnt sind. Es gibt eine klare Trennung von Gut und Böse, vom Klerus wird Bescheidenheit gefordert, und es heisst alle Menschen seien gleich und allen sei das Paradies vorherbestimmt. Schon bald wird die Gruppe der Versammelten immer größer ...
Einige Wochen später, sie kommen gerade von ihrer Feldarbeit zurück, ruft der Dorfpfarrer alle Bewohner auf dem großen Marktplatz zusammen, um eine wichtige Mitteilung zu machen ...
Als sie auf dem Marktplatz ankommen, hat sich bereits eine große Menschenmenge versammelt. Immer wieder hören sie die Wörter 'Ketzer', 'Häresie' und 'Inquisition' fallen. Gerade wolle sie die Gemüseverkäuferin vor ihnen Fragen, was denn eigentlich los sei, als eine durchdringende Stimme sich Gehör verschafft. Der Mann, dem sie gehört, ist ihnen unbekannt, aber er strahl eine Autorität aus. Nachdem das Gemurmel in der Menge verstummt ist, hebt er an zu sprechen: Er sei als Inquisitor im Namen des Papstes unterwegs und ihm sei zu Ohren getragen worden, dass in diesem Städtchen Häretiker ihr Unwesen treiben würden. In schrecklichen Farben malt er die Strafen aus, die Ketzer im Jenseits zu erwarten hätten und mit welch perfiden Methoden sie versuchten, brave und rechtgläubige Menschen zu ihrem Irrglauben zu verführen. Mit aller geboten Härte müsse man gegen dieses Übel vorgehen! Inzwischen ist es totenstill geworden, so dass der Inquisitor fortfahren kann. In Übereinkunft mit dem Bischof der Diözese und den weltlichen Autoritäten vor Ort sei er hierher gekommen, um dem Treiben ein Ende zu setzen. In ihrer Milde gewähre die Kirche jedoch allen vom Glauben Abgeirrten eine Frist von 14 Tagen, in denen sie sich selbst stellen könnten. Alle anderen Gläubigen sollten in diesem 'Zeit der Gnade' zu ihm kommen, falls ihnen irgendetwas über die gesuchten Ketzer bekannt sei. Wer es versäume in den kommenden zwei Wochen zur Einsicht zu gelangen, müsse mit den schlimmsten Strafen rechnen. „Das heißt doch nichts anderes als Denunzieren“, wollten sie am Liebsten hinausschreien! Aber sie denken auch an ihren Kontakt mit den Anhängern der neuen Lehren. Was sollen sie nur tun? Sollen sie sich stellen, oder warten sie ab und hoffen sie darauf, unbehelligt davonzukommen?
Abwarten
Nach Ablauf der Gnadenfrist von 14 Tagen, beginnt der eigentliche Prozess. Sie haben eine Vorladung vor das Inquisitionstribunal erhalten und betreten nun mit einem mulmigen Gefühl das speziell hergerichtete Zimmer. An einem langen Tisch sitzt der Inquisitor. Links von ihm der Notar und rechts von ihm zwei angeblich unabhängige Zeugen (dabei haben sie genau gesehen, dass beide Männer im Gefol-ge des Inquisitors mitgekommen sind!). An der Tür stehen zwei Wachen. An der Wand sitzt der Pfarrer des Ortes auf einer rohen Holzbank. Ansonsten befindet sich niemand im Zimmer. Der Inquisitor ergreift das Wort und bittet sie vorzutreten und stellt ihnen folgende Frage: Haben sie sich bereits selbst angezeigt? Ja oder Nein?
Stellen
Lange haben sie hin und her überlegt, aber am Ende haben sie die angedrohten Strafen doch dazu bewogen, sich selbst anzuzeigen. Sie machen sich also bangen Herzens auf den Weg zu dem Haus, in dem der Inquisitor mit seinem Gefolge sein Lager aufgeschlagen hat. Ein Diener lässt sie auf ihr Klopfen hin ein und führt sie in ein kleines Zimmerchen. Hinter einem mit Pergamentrollen übersäten, wuchtigen Tisch sitzt der Inquisitor und wendet ihnen beim Eintreten den Kopf zu. Mit freund-lichen Worten bittet man sie Platz zu nehmen und fragt sie nach dem Grund ihres Kommens. Sie entschließen sich ehrlich zu sein und berichten alles, was sie wissen. Der Schreiber des Inquisitors hat inzwischen das Zimmer betreten und schreibt eifrig mit. Ob sie denn noch weitere Ketzer kennen würden. Falls sie die Namen verschweigen würden, müsse man leider an der Aufrichtigkeit ihres Gesinnungs-wandels zweifeln. Sie bejahen und nennen ein paar Namen. Ob sie ihren Irrtum den einsähen und bereit wären, ihm abzuschwören. Ja, lassen sie verlauten, sie hätten einen Fehler begangen und wünschten zur katholischen Kirche zurückzukehren.
Der Inquisitor nickt ihnen ernst zu und sagt, dass ihr Wille zur Besserung deutlich zu spüren gewesen sei. Er fordert sie dennoch dazu auf, zum eigentlichen Prozess vor dem Inquisitionstribunal zu erscheinen, denn für ihre Vergehen müssten sie eine gewisse Buße auf sich nehmen. Er stellt ihnen aber eine milde Behandlung in Aussicht. (siehe Abwarten)
Ja!
Als sie die Frage, ob sie ihr Tun aufrichtig bereuten und ihrem Irrglauben abschwören wollten bejahen, und nochmals die Namen der einiger anderer Ketzer wiederholen, erteilt ihnen der Inquisitor die Absolution. Bevor sie entlassen werden, verkündet er ihre Buße, die - so lässt der Inquisitor verlauten - milder ausfallen soll, da sie sich ja bereits selbst angezeigt hätten: Er trägt ihnen auf, einen kleinen Geldbetrag an die Kirche zu spenden und darüber hinaus für einige Zeit ein deutlich sichtbares gelbes Kreuz über ihrer Kleidung zu tragen, dass sie als reuigen, ehemaligen Ketzer kennzeichnet. Eindringlich warnt der Inquisitor sie davor, rückfällig zu werden, denn dann sei es mit dem Seelenheil endgültig vorbei und sie hätten mit härtester Bestrafung zu rechnen. Was das heißt, können sie sich selbst denken, und sie beschließen sich künftig von solchen Abenteuern fernzuhalten ...
Nein!
Sie haben sich zwar nicht selbst angezeigt, aber der Inquisitor weist sie mit einem kalten Lächeln darauf hin, dass ihm von anderen Leuten zu Ohren gekommen sei, dass sie häretischen Versammlungen beigewohnt und selbst ketzerisches Gedanken-gut gehegt hätten. Sie werden blass. Wer kann sie nur verraten haben? Der Inquisitor fordert sie dazu auf, ihm die Namen einiger ihrer Todfeinde zu nennen, um angeblich eine ungerechtfertigte Anklage gegen sie nicht gelten zu lassen. Sie nennen ein paar Leute, mit denen sie in letzter Zeit Streit hatten, aber das scheint den Inquisitor nicht zu beeindrucken. Langsam lehnt er sich zurück und sieht sie lauernd an. Dann plötzlich schnellt er nach vorne und fragt sie, ob sie bereit seien, ihre Verfehlungen einzugestehen und zum rechten Glauben zurückzukehren, denn die Beweise seien erdrücken. Sie wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Wollen sie ein Geständnis ablegen? Oder sollen sie alles abstreiten? Es liegt jetzt an ihnen.
Gestehen (siehe Ja!)
Abstreiten
Auf einen Wink hin werden sie von den Wächtern ergriffen und davon geschleppt. Man wirft sie in ein düsteres und feuchtes Loch. Irgendwann verlieren sie das Gefühl für die Zeit. Immer wieder tauchen Gesichter vor ihnen auf und reden ihnen zu, sie mögen doch endlich gestehen, dann werde sich alles wieder zum Guten wenden...
Schließlich reißt man sie eines Tages hoch und schleift sie aus dem Loch heraus. Das ungewohnte grelle Licht blendet sie. Als sie blinzelnd ihre Umgebung wieder wahrnehmen können, fährt ihnen der Schreck durch die Glieder - sie befinden sich in einer Folterkammer. Der Inquisitor taucht plötzlich neben ihnen auf und rät ihnen mit einem Blick auf die bereitliegenden Folterinstrumente doch endlich zur Vernunft zu kommen. Doch ihre Zunge verweigert ihnen den Dienst. Dann soll es so sein, hören sie noch, bevor sich der Inquisitor abwendet. Grob werden sie weggezerrt und auf eine Streckbank geschnallt. Die Folter beginnt und bald werden die Schmerzen unerträglich ... Sie wissen nur, dass sie es nicht mehr lange aushalten, bevor sie vor Schmerzen wahnsinnig werden. Schließlich geben sie alles zu.
Nachdem sie unter der Folter gestanden haben, lässt ihnen der Inquisitor etwas Zeit, bevor er sie erneut vor das Tribunal bringen lässt. Er fordert sie auf, ihr 'freiwilliges' Geständnis nochmals zu wiederholen. Sie wissen allerdings genau, dass ein erneutes Abstreiten nur neue Folterqualen oder noch Schlimmeres bedeuten würde, so dass sie seiner Aufforderung nachkommen. Mit einem zufriedenen Lächeln lehnt sich der Inquisitor zurück. Doch dann tritt ein gefährliches Leuchten in seine Augen, und er fragt, ob sie denn jetzt auch bereit seien, ihrer Häresie abzuschwören. Was werden sie tun. Entsagen sie ihrem 'Irrglauben' und kehren reuig in den Schoß der katholischen Kirche zurück, oder bleiben sie standhaft bei ihrem eigenen Glauben?
Abschwören
Als sie die Frage, ob sie ihr Tun aufrichtig bereuten und ihrem Irrglauben abschwören wollten bejahen, und zusätzlich die Namen der einiger anderen Ketzer nennen, erteilt ihnen der Inquisitor die Absolution. Bevor sie entlassen werden, verkündet er ihre Buße, die - so lässt der Inquisitor verlauten - sehr hart ausfallen muss, da sie ja erst nach langer 'Überzeugungsarbeit' gestanden und sich reuig gezeigt hätten: Er veranlasst die Konfiskation ihres Besitzes, die Zerstörung ihres Hauses und verurteilt sie zu ewiger Kerkerhaft! Ihr Wille ist gebrochen und widerstandslos lassen sie sich abführen, in dem Wissen, dass sie das Tageslicht wohl nie mehr wieder sehen werden ...
Hart bleiben
Sie sind nicht bereit, ihre Überzeugung zu verleugnen und weigern sich, ihrem angeblichen Irrglauben abzuschwören. Der Inquisitor zuckt resignierend die Schultern und erklärt sie zum hartnäckigen Ketzer. Er stößt sie hiermit aus der katholischen Kirche aus und übergibt sie den weltlichen Autoritäten vor Ort 'zur milden Behandlung'. Sie ahnen schon, dass die Kirche mit dieser Floskel ihre Weste rein halten will, denn die weltlichen Autoritäten haben keine Wahl: entweder sie lassen sie hinrichten, oder sie setzen sich dem Verdacht der Begünstigung von Häretikern aus. Daher kommt es, wie es kommen muss! Die Wachen schleppen sie nach draußen, was sie willenlos über sich ergehen lassen. Man wirft sie zurück in das finstere Verließ. Ein paar Tage später öffnet sich die Tür für sie zum letzten Mal und sie werden nach draußen ins Freie geschleppt ...
Kaum haben sie das Gebäude verlassen empfängt sie eine johlende, aufgeputschte Menge. Man hat ihnen ein Gewand und eine Kopfbedeckung mit aufgemalten Dämonen aufgesetzt. Ein paar Schritte vor ihnen schreitet der Inquisitor, links und rechts von ihnen einige bewaffnete Büttel des Bürgermeisters. Hinter ihnen folgt der Pfarrer der Städtchens, der sie im letzten Moment noch dazu bewegen will, doch abzuschwören, um wenigstens einen kurzen und schmerzlosen Tod zu erleiden. Man würde sie auch erst erwürgen, bevor man sie verbrenne...
Man führt sie vor die Stadt, wo schon eine ganze Reihe weiterer Scheiterhaufen errichtet worden sind, und bindet sie fest. Ein letztes Mal tritt der Inquisitor vor sie hin, 'um sie doch noch der Hölle zu entreißen', aber sie blicken nur stumm in seine kalten Augen. Dann ist es soweit! Der Inquisitor erhebt das Wort, die Menge verstummt für einen Augenblick, als er von der reinigenden Kraft des Feuers spricht, die das Böse von der Welt vertilgen möge. Die Büttel treten mit einer Fackel heran und entzünden ihren Holzstoß. Bald beginnen sie die Hitze zu spüren und beten, dass es schnell vorüber ist ...
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